„Schatz, bring mir ein Bier!“ Felicitas Hoppe und die „Nibelungen“

Workshop am Institut für Germanistik der Universität Hamburg 30.03.2022
Veranstaltet von Martin Baisch / Sebastian Holtzhauer / Sarah Rose

„Meine Leidenschaft für Ritter ist alt, sie geht auf meine frühe Kindheit zurück. Meine Erinnerung zeigt mich in unserem Wohnzimmer sitzend, wo unter dem untersten Bücherregalbrett, für ein Kleinkind perfekt auf Augenhöhe, eine Reihe verzaubernder Bilder hing, die wunderbare Gestalten zeigten: manche auf Pferden, andere auf Türmen, dritte auf Leitern hinauf zu Balkonen. Alle trugen lange Gewänder, weich fallend und in leuchtenden Farben, mit goldenen Krägen oder weiten Kapuzen. Hier und da wurden Kränze gereicht oder Kronen getragen, Handschuhe bis hinauf zu den Ellenbogen; auf den Unterarmen saßen prächtige Vögel, eine seltsame Mischung aus Tauben und Falken. Die Pferde hatten lebhafte Mienen und lockige Mähnen. Auch die Ritter und Reiter hatten Locken, manche bis auf die Schultern hinab, andere kürzer, nur bis zum Kinn, dieselbe Frisur, die ich damals trug. Locken hatte ich auch. Woraus ich schloss, dass, wo immer sie lag, diese Welt ausschließlich von Frauen bewohnt war. In anderen Worten: In meiner Kindheit waren die Männer noch Frauen.“ [1]

Felicitas Hoppes Mittelalterfaszination entspringt, so die Darstellung in ihrer Göttinger Poetik-Vorlesung, der Erinnerung an Abbildungen, wie sie etwa der berühmten Großen Heidelberger Liederhandschrift C entnommen sein könnten. Bilder, die das Kleinkind auf Augenhöhe im heimischen Wohnzimmer wahrnehmen konnte und die Erinnerung an eine Zeit prägte, in der die Männer noch Frauen waren. Wo es den Bildbeschreibungen nicht an Genauigkeit und Konkretheit mangelt, ist es das Kind, das Hoppe einmal war, das ihre Locken und ihre Frisur wiedererkennt und ihr Verständnis von beidem dem Gesehenen überstülpt. Die patriarchal geprägte Welt des Mittelalters verwandelt sich so zu einer einzigen „Stadt der Frauen“.

Nach ihrem Roman über Jeanne d’Arc von 2006 und ihrer Auseinandersetzung mit dem ‚Iwein‘ Hartmanns von Aue von 2008 hat Felicitas Hoppe 2021 ihren Text über das Epos der Nibelungen unter der Gattungsbezeichnung „Ein deutscher Stummfilm“ vorgelegt. [2] Ihre Fassung des ‚Nibelungenliedes‘ hat Felicitas Hoppe in weiteren Veröffentlichungen erläutert und kommentiert. [3]

Für ihr bisher vorgelegtes Werk hat Felicitas Hoppe eine Vielzahl an bedeutenden Literaturpreisen zugesprochen bekommen.4 Schließlich sei angeführt, dass die Autorin eine große Zahl an Poetikdozenturen übernommen hat, darunter 2012 auch die Gastprofessur für ‚Interkulturelle Poetik‘ an der Universität Hamburg.

Das Fach der Germanistik zeigt, so ist zu beobachten, erhebliches Interesse an den Werken von Hoppe, wie beispielsweise eine Reihe von jüngst erschienenen, wissenschaftlichen Sammelbänden belegt.5 Man analysiert etwa die Autorschaftskonzeptionen in Hoppes Texten, erkennt, dass ihre Werke sich durch Dialogizität und Intertextualität in erheblichem Maße auszeichnen und versteht dies als wiederkehrende narrative Verfahren oder nutzt ausgiebig die Werkzeuge der Narratologie, um sich Hoppes Texten zu nähern. Zu Beginn ihrer Karriere als Schriftstellerin wurde Felicitas Hoppe durch das Fach wie durch das Feuilleton der Postmoderne zugeordnet, nun der Transmoderne. [6] Sie gilt als poeta docta, als produktive Leserin, deren Ziel die Wiederverwertung der Tradition sei, die ihr Erzählen aber mit Skepsis gegenüber überkommenen Sinnsystemen und hermeneutischen Erwartungshaltungen der Rezeption imprägniere. Der immer wieder beobachtete, sprachspielerische „Hoppe-Sound“, der ihr Erzählen prägt, ist getragen von unterschiedlichen Formen von Witz, von Ironie und groteskem Humor und scheut zudem auch nicht das Merkmal der Flachheit („Der Kaplan – Ein Nichtschwimmer“). [7]

Aufgabe und Ziel des Workshops ist es, das Erzählen in Felicitas Hoppes ‚Nibelungen‘ zu beschreiben, zu analysieren und seine Funktionen zu bestimmen. Wichtig erscheint uns, die Form des Erzählens in Hoppes „deutschem Stummfilm“ in Hinblick auf ihr Verhältnis zu möglichen Rezeptionen des Textes zu reflektieren. Denn es zeigt sich rasch, dass ein/e akademisch Gebildete/r sein oder ihr Spiel mit den Anspielungen dieses Erzählens treiben kann. Mit dem Genuss des Wiedererkennens springt ein solches Lesen von Pointe zu Pointe und anerkennt mit Bewunderung den wissenschaftlichen Unterbau von Hoppes Erzählen: Es liest sich, als sitze die Autorin auf dem Hort eines uralten Oberseminars. Andererseits aber scheinen die Pointen, scheint ein solches Erzählen aber auch eher für ein Oberseminar gedacht: Erst wer durch die historischen Semantiken des ‚Nibelungenliedes‘, durch die lange Sümpfe von alten und neuen Forschungsdiskussionen gewatet ist, kann diese Pointen weit ausmessen. „Die Brautwerbung als Kaffeefahrt, nass, aber lustig“: DAS ist nur ‚lustig‘ für jene, die zuvor schon über ‚Brautwerbungen‘ als historisch-serielle Erzählmuster belehrt worden sind oder sich selbst ein solches Wissen angeeignet haben.

Wie sich Hoppes Bearbeitung ohne solche Kenntnisse liest und mit welchen Effekten in der Rezeption, scheint uns eine virulente Frage – nicht etwa aus der Erkenntnis um das in unserer Kultur rasant schwindende Wissen um diesen Stoff oder das Lied, sondern eben weil die Form des Hoppeschen Erzählens im Modus des verknappten und verrätselten Verweises auf Wissen und Tradition (als zentralem Mittel der ästhetischen Darstellung!) zu sich zu kommen scheint. Damit wäre aber eine Erzählpoetik zu reflektieren, die ohne den beschriebenen Traditionalismus ihre Absichten und Wirkungen nicht erzielen könnte.

Schließlich ist als Leseerfahrung unserer Auffassung nach festzuhalten, dass das narrative Mittel der verrätselten Darstellung des Stoffes, die Technik der hintergründigen Anspielungen auf überkommene Deutungen oder auch die das Erzählen prägende Haltung der Komisierung allem Anschein nach nicht dafür eingesetzt sind, in der Rezeption des Textes decodierbar zu sein, um intendierte Sinnzusammenhänge und neue Sinnangebote in Hinblick auf das Epos und den Stoff und dessen so monströse Rezeptionsgeschichte zu ermöglichen. Wenn dem so ist, wäre aber die Frage nach der ästhetischen wie ethisch-politischen Haltung, die sich im Wiederaufgreifen und neu Gestalten des Liedes offenbart, von zentraler Bedeutung für das Verständnis von Hoppes ‚Nibelungen‘.


[1] Felicitas Hoppe: Abenteuer – was ist das?, Göttingen 2010 (Göttinger Sudelblätter), S. 30.
[2] Felicitas Hoppe: Johanna. Ein Roman, Frankfurt a. M. 2006; dies.: Iwein Löwenritter, Frankfurt a. M. 2008; dies.: Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm, Frankfurt a. M. 2021.
[3] Felicitas Hoppe im Gespräch mit dem Hörspielautor Karlheinz Koenneg. Freund und Feind in Wort und Bild. Moderation: Monika Schausten, Köln, 24. November 2016. In: Hoppe. Hrsg. von Christof Hamann und Monika Schausten – translit 2016, Köln 2018, S. 63–96; Felicitas Hoppe: Und jetzt darf auch endlich der Held auf die Bühne. Über Werkstatt- und Frauenarbeit. In: dies.: Kröne Dich selbst – sonst krönt Dich keiner! Heidelberg 2018 (Heidelberger Poetikvorlesungen 2), S. 47–70. Felicitas Hoppe: Alte Schätze, Paare, Klagen. Neues von den ‚Nibelungen‘. In: Klassiker des Mittelalters. Hrsg. von Regina Toepfer, Hildesheim 2019 (Spolia Berolinensia 38), S. 301–312.
[4] Darunter sind der Aspekte Literaturpreis, der Bachmannpreis, der Brüder Grimm Preis, der Bremer Literaturpreis, der Büchnerpreis, der Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, der Rattenfänger Literaturpreis, der Nicolas Born Preis und der Heimito von Doderer Literaturpreis.
[5] Vgl. etwa Michaela Holdenried (Hg.): Felicitas Hoppe: Das Werk, Berlin 2015; Peer Trilcke (Hg.): Felicitas Hoppe, München 2015 (Text und Kritik 207); Svenja Frank, Julia Ilgner (Hg.): Ehrliche Erfindungen. Felicitas Hoppe als Erzählerin zwischen Tradition und Transmoderne, Bielefeld 2017.
[6] Vgl. den Band von Frank und Ilgner (Anm. 5).
[7] Zu Formen und Funktionen von Komik in der Adaptation der ‚Nibelungen‘ durch Hoppe vgl. das Gespräch von Felicitas Hoppe mit Karlheinz Koenneg (siehe Anm. 3), S. 90–93.